Thomas Evangelium  Logion 86 bis 114

Das Evangelium nach Thomas kann ohne den Kontext der Bibel kaum richtig gedeutet werden. Im Kontext der Bibel streicht es die Dringlichkeit zur Einkehr in die Einheit im “Reich Gottes” heraus, die im Geist gewonnen wird.

 

So ergeht die eindringliche Bitte an alle Leser des Thomas Evangeliums, dieses in Ergänzung der vier anderen Evangelien zu lesen, nicht aber als Gegenposition aufzufassen und damit womöglich falsch zu interpretieren. „Wer die Deutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.“, sagt Jesus im Logion 1 und man sollte ergänzen, dass diese nur im Heiligen Geist und im Gesamtzusammenhang der Bibel gefunden werden kann.

Ich habe nachfolgend die Textpassagen von Logion 86-114 des Thomas Evangeliums zusammen mit je  einer Quintessenz und kurzen Erläuterung dargestellt.

Logion 86 
(die Übersetzung aller Logions in diesem Post stammt von http://www-theol.uni-graz.at/~heil/lvws0506/evth.pdf)
(1) Jesus spricht: [Die Füchse haben] ihre Höhlen, und die Vögel haben ihr Nest. 
(2) Aber der Menschensohn hat keinen Ort, sein Haupt hinzulegen (und) auszuruhen.“

Seid allzeit wach im Geist.

Der Menschensohn ist allgegenwärtig und schläft nicht, denn er ist Eins im Geist. Er ist ewig wach und kann sich folglich nicht verstecken.

 

Logion 87 
(1) Es sprach Jesus: „Elend ist der Leib, der an einem Leibe hängt.
(2) Und elend ist die Seele, die an diesen beiden hängt.“

Findet Euch und Euren Leib im Geist.

Wer sich vom Leib her definiert, der befindet sich im Elend der Trennung vom Geist. Wer sich aber im Geist findet, dessen Leib wird stetig vom Geist her belebt..

 

Logion 88 
(1) Jesus spricht: „Die Boten werden zu euch kommen und die Propheten, 
und sie werden euch das geben, was euch gehört. 
(2) Und ihr eurerseits gebt ihnen das, was in eurer Hand ist (und) sagt zu euch: 
‘Wann werden sie kommen (und) das Ihre nehmen?’“

Gebt was ihr habt in den Geist, so werdet ihr den ganzen Geist haben.

Wer in den Geist eintaucht, der stellt seinen Geist dem Geist zur Verfügung, bringt ihn also ein. Man kann nicht in den Geist aufgenommen werden, wenn man etwas zurückhält. Das Sein im Geist bedeutet stetes wachen.

 

Logion 89  
(1) Jesus spricht: „Weshalb wascht ihr die Außenseite des Bechers? 
(2) Versteht ihr nicht, daß der, der die Innenseite geschaffen hat, auch der ist, 
der die Außenseite geschaffen hat?“

Überwindet die Trennung zwischen innen und außen.

Es gibt in Gott keine Trennung zwischen Innen und außen.

Logion 90 
(1) Jesus spricht: „Kommt zu mir, denn mein Joch ist sanft, 
und meine Herrschaft ist mild. 
(2) Und ihr werdet Ruhe finden für euch.“

Im Geist des Herrn findet ihr eine sanfte Führung, alles läuft wie es soll.

Das Joch des Jesus ist der Heilige Geist, der Geist Gottes, der ihn führt und leben lässt. Dieser ist sanft und mild und führt stets im Guten. Jesus ist aufgrund dieser Einheit im Geist tatsächlich gut. Nicht aus menschlicher Kraft, sondern aus der göttlichen Kraft heraus. Jesus und der Geist Gottes sind eins. Deshalb spricht er von seiner Herrschaft.

 

Logion 91 
(1) Sie sprachen zu ihm: „Sage uns, wer du bist, damit wir an dich glauben.“
(2) Er sprach zu ihnen: „Ihr prüft das Angesicht des Himmels und der Erde; 
doch der, der vor euch ist - ihn habt ihr nicht erkannt, 
und diese Gelegenheit wißt ihr nicht zu erproben.“

Öffnet Eure geistigen Augen und erkennt Gott.

Die Menschen sind in Bezug auf Gott blind, weil sie ihre geistigen Augen verschlossen haben.

 

Logion 92 
(1) Jesus spricht: „Sucht, und ihr werdet finden.
(2) Aber das, was ihr mich damals gefragt habt, was ich euch an jenem Tage nicht gesagt habe, 
will ich euch jetzt sagen, doch ihr sucht nicht danach.“

Sucht die Einheit in Jesus..

Jesus ist bereit uns die Wahrheit zu sagen, wenn wir es denn suchen. Offensichtlich wollen die Menschen die Wahrheit über die geistige Natur von Jesus nicht hören. Sie beschäftigen sich lieber mit dem bildhaften fleischlichen Eindruck, denn dieser gibt ihnen das Gefühl eigenständig und unabhängig von Gott zu sein. Davon möchten sie nicht lassen und das ist die Sünde, denn so entsteht das Böse: jeder folgt seinem eigenen Weg, die Einheit im Geiste wird nicht gesucht.

 

Logion 93 
(1) “Gebt das Heilige nicht den Hunden, damit sie es nicht auf den Misthaufen werfen.
(2) Werft nicht die Perlen den Schweinen hin, damit sie <sie> nicht zu [Dreck] machen.“

Seid keine Schweine und Hunde, sondern achtet das Göttliche, so werdet ihr es erhalten.

Jesus gibt die Einheit des Geistes nicht an die unverständigen Menschen, die achtlos darüber hinweg trampeln und Böses im Sinn haben. Wenn wir den Geist nicht erhalten, so liegt es daran, dass wir uns wie Schweine und Hunde aufführen.

 

Logion 94 
(1) Jesus [spricht]: „Wer sucht, wird finden.
(2) [Wer anklopft] - ihm wird geöffnet werden.“

Sucht ausschließlich das Reich Gottes. Dann wird es Euch gegeben werden.

Wer wirklich eingehen möchte in den Geist der Einheit, der wird auch eingelassen. Wer aber anderes für wichtiger hält, der findet es nicht.

Logion 95 
(1) [Jesus spricht:] „Wenn ihr Geld habt, gebt (es) nicht gegen Zins. 
(2) Vielmehr gebt [es] dem, von dem ihr es nicht (zurück)erhalten werdet.“

Helft nicht hinterlistig wie ein Geschäftsmann. Verwendet Euer Geld wie Gott und nicht wie ein Geschäftsmann.

Im göttlichen Geist wird nicht geholfen, um selbst zu profitieren. Das Helfen ist Lohn genug. Wenn wir also den Widerstand gegen den Geist Gottes reduzieren möchten, so können wir die Prinzipien des Reichs Gottes praktizieren..

 

Logion 96 
(1) Jesus [spricht]: „Das Königreich des Vaters gleicht [einer] Frau. 
(2) Sie nahm ein wenig Sauerteig. [Sie] verbarg ihn im Mehl (und) machte daraus große Brote.
(3) Wer Ohren hat, soll hören.“

Erkennt Gott, wie er in allem wirkt.

Das göttlich steckt in Allem und bewirkt alles, doch wird es nicht erkannt.

 

Logion 97  
(1) Jesus spricht: „Das Königreich des [Vaters] gleicht einer Frau, 
die einen [Krug] trägt, angefüllt mit Mehl. 
(2) Während sie auf [dem] Weg ging und weit entfernt (von zu Hause) war, 
brach der Henkel des Kruges, (und) das Mehl rieselte hinter ihr [auf] den Weg. 
(3) Sie (jedoch) wußte (es) nicht; sie hatte kein Mißgeschick wahrgenommen. 
(4) Als sie in ihr Haus gelangt war, stellte sie den Krug auf den Boden, (und) fand ihn leer.“

Sucht das Himmelreich nicht versammelt an einem Ort, denn es ist das Leben selbst und findet sich in den Lebenswegen. Lebt also im Geist, seid das Leben.

Der Geist ist nicht statisch an einem Ort zu finden, er ist kein Besitztum. Vielmehr ist er im Leben zu finden, in den Lebenswegen. Geist und Leben ist eins.

 

Logion 98 
(1) Jesus spricht: „Das Königreich des Vaters gleicht einem Menschen, 
der einen mächtigen Menschen töten wollte. 
(2) Er zückte das Schwert in seinem Hause (und) stach es in die Wand, 
damit er erfahre, ob seine Hand stark (genug) sei. 
(3) Dann tötete er den Mächtigen.“

Wenn ihr Anzeichen seht könnt ihr davon ausgehen, dass Gott etwas größeres plant und dies auch ausführen wird.

Bevor Gott endgültig den Feind besiegen wird, wird es Vorzeichen geben. So ist es in allem, das der Geist tut. Es deutet sich an und wird zum Ziel führen. Der Feind in diesem Falle ist offenbar der Widerstand gegen die Einheit Gottes. Dieser wird auf jeden Fall besiegt werden, auch wenn zunächst nur punktuell.

 

Logion 99 
(1) Die Jünger sprachen zu ihm: „Deine Brüder und deine Mutter stehen draußen.“
(2) Er sprach zu ihnen: „Die hier, die den Willen meines Vaters tun, diese sind meine Brüder und meine Mutter. 
(3) Sie sind es, die eingehen werden in das Königreich meines Vaters.“

Kehr ein in den Geist Gottes und lebt ihn aus. Dann seid ihr Eins mit Jesus, sonst nicht.

Wer sich dem Geist Gottes anschließt, also den Willen des Vaters tut, der ist Bruder und Schwester von Jesus. Es ist nicht jemand, der zwar so tut, al liebe er Jesus, aber doch seinen Geist vor Gott verbergen möchte und Gott nicht sieht.

Logion 100 
(1) Sie zeigten Jesus eine Goldmünze und sprachen zu ihm: 
„Die zum Kaiser gehören, fordern von uns Steuern.“
(2) Er sprach zu ihnen: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. 
(3) Gebt Gott, was Gottes ist. 
(4) Und das, was mein ist, gebt mir.“

Gebt Euch Gott, den ihr seid lebendig.

Jesus zeigt auf, dass der Besitz des Menschen wertlos ist. Die Eindrücke des Lebens sind nicht das Leben selbst und dieses ist Jesus bzw. Gott. Und allein ihm gehört das Leben. Also gebt ihm das Leben und versucht nicht, es für andere Zwecke zu missbrauchen.

 

Logion 101 
(1) „Wer nicht seinen [Vater] und seine Mutter hassen wird wie ich, wird mir nicht 
[Jünger] sein können. 
(2) Und wer seinen [Vater und] seine Mutter [nicht] lieben wird wie ich, 
wird mir kein [Jünger] sein können.
(3) Denn meine Mutter, meine wahre [Mutter] aber gab mir das Leben.“

Erkennt das Lebendige und verwerft das Tote.

Jesus weist daraufhin, dass die Menschen eine ganz falsche Vorstellung haben davon, was tatsächlich Vater und Mutter sind. Sie sind Leben und sie sind Eins. So ist nicht der Körper der Vater oder die Mutter, also nicht die Illusion von den Objekten , die zu verwerfen ist, sondern das Leben, dass sich in den Objekten bzw. Körpern ausdrückt und das lebt. So sollen wir ebenfalls das Leben lieben, dass sich als Vater und Mutter zeigt, ganz wie es Jesus tut.

 

Logion 102 
Jesus spricht: „Wehe ihnen, den Pharisäern, denn sie gleichen einem Hund, 
der auf dem Futtertrog der Rinder schläft, denn weder frißt er noch [läßt] er die Rinder fressen.“

Geht ein und haltet nicht Nähe zum Geist für Errettung..

Die Pharisäer geben vor, den Menschen zu Gott zu helfen, tatsächlich gehen sie aber nicht in den Geist Gottes ein, sind also selbst nur getäuschte Sünder, die sich dem Heiligen verweigern.

 

Logion 103 
Jesus spricht: „Selig ist der Mensch, der weiß, an welcher Stelle die Räuber eindringen werden, 
damit [er] aufstehe, seinen [Herrschaftsbereich] sammle und seine Lende gürte, bevor sie hereinkommen.“

Seid der Geist, der immer da ist, ganz gleich was zu geschehen scheint. Seid das Lebendige, nicht das Objekt, sondern das was das Objekt wandelt und erscheinen lässt.

Die Angriffe zielen auf das Leben, die Seele des Menschen ab und das Werkzeug des Angreifers ist geistige List und Täuschung. Sich gürten heißt daher sich in die Weisheit Gottes zu begeben, denn nur diese kann einen gegen die Täuschung beschützen. So suchen wir Zuflucht im Heiligen Geist. Dieser kann nicht manipuliert oder getäuscht werden.

 

Logion 104 
(1) Sie sprachen zu [Jesus]: „Komm, laßt uns heute beten und fasten!“
(2) Jesus sprach: „Was ist denn die Sünde, die ich getan habe oder worin wurde ich besiegt? 
(3) Aber wenn der Bräutigam aus dem Brautgemach herauskommt, dann möge gefastet und gebetet werden.“

Betet und fastet, wenn ihr nicht im Geist steht.

Beten und Fasten ist erforderlich, um in den Heiligen Geist zurückzukehren, wenn man ihn verlassen hat, was sich zwangsläufig durch Sünden bemerkbar macht. Solange aber der Geist auf uns ist, müssen wir nicht beten und fasten, sondern wir wandeln im Geist. Wenn er weg ist, dann müssen wir wieder fasten und beten. Fasten heißt, sich von den Objekten und dem Fleisch abwenden hin zum Geist.

Logion 105 
Jesus spricht: „Wer den Vater und die Mutter erkennen wird, den wird man Hurensohn nennen.“

Gott ist Vater und Mutter von allem Leben.

Der wahre Vater und die wahre Mutter ist das Leben bzw. der Geist, der alles Leben generiert und lebt. Es ist ungeteilt und daher nach fleischlichem Verständnis als “Hure” zu verunglimpfen. Tatsächlich ist es aber das Heilige und Kostbare, so geht die Meinung der Menschen am Kostbaren vorbei und beschimpft es.

 

Logion 106
(1) Jesus spricht: „Wenn ihr die zwei zu einem macht, werdet ihr Menschensöhne werden.
(2) Und wenn ihr sagt: ‘Berg, hebe dich weg’, wird er sich wegheben.“

Hört auf, zwischen Eurem Geist und dem Heiligen Geist zu trennen, Es gibt eigentlich nur den Einen Geist.

Wenn Fleisch und Geist nicht mehr getrennt sind, sondern es nur noch den Geist gibt, der auch das Fleisch hervorbringt, dann sind wir in den Heiligen Geist eingegangen und folglich wirken wir als der Heilige Geist.

 

Logion 107 
(1) Jesus spricht: „Das Königreich gleicht einem Hirten, der hundert Schafe hat. 
(2) Eines von ihnen verirrte sich, das größte. Er ließ die neunundneunzig, 
(und) er suchte nach dem einen, bis er es fand. 
(3) Nachdem er sich abgeplagt hatte, sprach er zu dem Schaf: ‘Ich liebe dich mehr als die neunundneunzig.’“

Gehe davon aus, dass sich Gott über Deine Rückkehr freuen wird. Freude ist etwas, das durch Deine Abwesenheit letztlich erzeugt wird. Und Dankbarkeit und Liebe und Heiligkeit. Schäme dich also nicht, sondern sei froh, dass alles in bester Ordnung ist.

Gott liebt den Menschen, der sich abgewandt hatte nicht weniger als ein anderes Schaf, nein er müht sich und freut sich über seine Integration in den Geist Gottes derart, dass er es besonders schätzt. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Irrungen und das Leid, die der Mensch auf sich genommen haben doch einen geheimen und besonderen Wert darstellen. Denn für die Freude bedarf es auch die Erfahrung des Leids. So folgt dem Vermissen des verlorenen Sohnes eine ganz besondere Freude, die ohne das Leid nicht vorhanden wäre. So kann angenommen werden, dass die Verirrung des Menschen letztlich doch einem Hörern Zwecke dient, wenn sie denn überwunden wird. Denn die Seelentiefe wird im Leben erworben, in dem man auch alleine gelassen wurde und gelitten hat. So geht es also letztlich nicht darum, den Menschen für sein Verlassen des Heiligen Geistes zu tadeln, sondern es geht darum, den Schatz, den er mitbringt, zu bergen und in den Heilgen Geist einzufügen. Hierbei werden alle Tränten getrocknet und es entsteht eine ungemeine Seelenqualität, die es ohne das Leid der Menschen nicht gegeben hätte. Folglich sind die Wege des Herrn eben doch höher als die Weisheit derjenigen, die das Leben in der Gottferne als einzige Täuschung und Dummheit abtun möchten. Wäre es so, würde es Gott nicht zulassen, denn seine Macht ist unbeschränkt. Freuet Euch also und kehrt glücklich heim. Denn wenn ihr heimkehren möchtet, dann habt ihr Eure Mission bereits erfüllt. So gibt Euch Gott mit Jesus und den Evangelien Werkzeuge, die Heimkehr zu bewerkstelligen. Wenn ihr noch nicht soweit seid, werdet ihr diese als falsch zurückweisen. Und letztlich ist das dann auch so in Ordnung.

 

Logion 108 
(1) Jesus spricht: „Wer von meinem Mund trinken wird, wird werden wie ich. 
(2) Ich selbst werde zu ihm werden, 
(3) und was verborgen ist, wird sich ihm offenbaren.“

Nehmt den Geist von Jesus auf und ihr werdet der Geist werden.

Wer Jesus aufnimmt, der wird Jesus. Wenn es soweit ist.

 

Logion 109 
(1) Jesus spricht: „Das Königreich gleicht einem Menschen, der in seinem Feld einen 
verborgenen Schatz hat, [der] ihm nicht bekannt ist. 
(2) Und [nachdem] er gestorben war, hinterließ er ihn seinem [Sohn]. 
Der Sohn (aber) wußte (davon ebenfalls) nichts. Er nahm jenes Feld, (und) verkaufte [es]. 
(3) Und der es gekauft hatte, kam, und während er pflügte, [fand er] den Schatz. 
Er begann Geld zu geben gegen Zins, wem er wollte.“

Pflügt Euren Geist und Euer Herz um, so könnt ihr finden.

Derjenige der pflügt, der findet den Schatz. Es ist derjenige der tiefer gräbt und dadurch auf das stößt, von dem er gar nicht wusste, dass er es sucht. Ihm gehört der Schatz, während viele andere nicht pflügen und daher auch nicht finden.

Logion 110 
Jesus spricht: „Wer die Welt gefunden hat (und) reich geworden ist, soll der Welt entsagen.“

Lasse weltlichen Reichtum los, sonst kannst Du nicht in den Geist eintreten.

Die Erfahrung der Welt und ihres objektbehafteten Eindrucks ist nicht als Ziel gedacht, sondern als Erfahrung. Wenn man die Erfahrung gemacht hat, wird man reif für die Rückkehr in den göttlichen Geist und hierzu muss man sich wieder umstellen von der objekthaften eingeschnürten Sichtweise in die lebendige Sichtweise des Geistes.

 

Logion 111 
(1) Jesus spricht: „Die Himmel werden sich aufrollen und die Erde vor euch. 
(2) Und wer lebendig ist aus dem Lebendigen, wird den Tod nicht sehen.“
(3) Ist es nicht so, daß Jesus sagt: „Wer sich selbst gefunden hat, dessen ist die Welt nicht wert?“

Werdet lebendig im Lebendigen.

Die Welt dient demjenigen als Erfahrungsumgebung, der Gott nicht gefunden hat und sich damit selbst nicht gefunden hat. Derjenige, der sich aber gefunden hat, der ist Leben im Leben. Er braucht die Welt nicht, sie ist nur temporär und wird wieder weggezogen.

 

Logion 112 
(1) Jesus spricht: „Wehe dem Fleisch, das an der Seele hängt. 
(2) Wehe der Seele, die am Fleische hängt.“

Erkennt das es nur das Eine gibt, welches den Eindruck des Fleisches erzeugt. Haltet Euch nicht für das Fleisch und hängt auch nicht daran, denn es hat für sich gesehen keinen Wert.

Das Fleisch ist eine temporäre Erscheinung im Geist bzw. in der Seele. So sollte man nicht daran hängen. Das Fleisch, das sich aufspielt als Herr über die Seele, ist ebenso zum Scheitern verurteilt.

 

Logion 113 
(1) Seine Jünger sprachen zu ihm: „Das Königreich - an welchem Tage wird es kommen?“
(2) „Nicht im Erwarten wird es kommen! 
(3) Sie werden nicht sagen: ‘Siehe, hier!’ oder ‘Siehe, dort!’. 
(4) Vielmehr ist das Königreich des Vaters ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“

Wenn ihr bereit seid, müsst ihr nicht warten, sondern könnt direkt in das Himmelreich eingehen, indem ihr eins werdet im Geist.

Es geht nicht darum, wann das Himmelreich kommt, denn es ist allgegenwärtig. Es geht aber darum, wann der Mensch innerlich soweit ist, es zu suchen und einzugehen.

 

Logion 114  
(1) Simon Petrus sprach zu ihnen: „Maria soll von uns weggehen, 
denn die Frauen sind des Lebens nicht wert.“
(2) Jesus sprach: „Siehe, ich werde sie ziehen, auf daß ich sie männlich mache, 
damit auch sie ein lebendiger, euch gleichender, männlicher Geist werde.“
(3) (Ich sage euch aber):51 „Jede Frau, die sich männlich macht, wird eingehen in das Königreich der Himmel.“

Männer und Frauen werden Eins sein im Geist. Die Geschlechter-Identifikation ist ein temporäres Phänomen, das sich im Geist auflöst.

Dieser Logion ist sicherlich eine großer Aufreger für alle feministisch verlagerten Menschen. Es geht hier aber nicht um Geschlechter, sondern um den Geist. Und hier verwendet Jesus passend zum Verständnis seiner Jünger das Bild vom männlichen Geist für denjenigen Geist, der über die objekthafte Welt hinausragt und das wahrhaft geistliche sucht. Dieser Denkweise gemäß steht der weibliche Geist für die Freude am objekthaften. Jesus wird allerdings jedem Menschen den für die Einheit erforderlichen Geist verleihen und daher werden sie sich auch gleichen, denn sie werden Eins sein im Heiligen Geist. Der Heilige Geist tritt nicht in zwei Geschlechtern auf, sondern vereinigt die Vielfalt in sich. Die Vorstellung, dass Frauen nicht für die Einheit im Geist berufen werden, fegt Jesus klar vom Tisch. Maria blieb bei ihm.

Schlussbemerkungen zum Thomas Evangelium

Die Botschaft des Thomas Evangeliums ist in erster Linie die der Einheit im Reich Gottes, welches das Lebendige ist, der Geist, der lebendig ist und lebt. “Komm in mich, sei das was ich bin”, ruft uns Jesus letztlich zu. Diese Botschaft wird immer wieder neu formuliert und hammerartig durch Wiederholungen in den Kopf des Lesers eingebracht.

Dennoch klingt auch an, dass das Leben insofern in Wohlgefallen mündet, als Gott sich in ganz besonderer Weise über die Rückkehr der Menschen in seinen Geist freut. Diese besondere Freude ist dann auch der Schlüssel zum Verständnis des Aufenthaltes in der vorausgehenden Knechtschaft, Verwirrung und im Leid. Gott könnte dies sofort beenden, er müsste damit erst gar nicht anfangen, wenn er es nicht wollte. Gott kann alles und lässt die Welt zu, ja er belebt sie sogar. Kann sie dann unter dem Strich schlecht sein? Nein, das kann sie nicht sein. So wird also allen Unkenrufen zum Trotz aus dem Leid der Welt im Geist Gottes etwas wunderbares erwachsen.

Man kann sich hierzu einmal vorstellen, wie es wäre, wenn es nichts Erschreckendes gäbe, wenn man niemals eine unangenehme Erfahrung gemacht hätte. Wenn alles nur flach und angenehm wäre. Wenn letztlich nichts geschehen würde, das einen zu einer inneren Regung bewegen könnte. Man wäre letztlich innerlich völlig tot und wäre zu keiner Gefühlsregung im Stande. Man wäre sinnlos. Das Leben wäre sinnlos. Es stellt sich bei näherer Betrachtung schnell heraus, dass Sinn und Leben unweigerlich verknüpft sind. Denn nur dort, wo eine Empfindung von Sinn entsteht, nur dort entsteht auch der Eindruck von Leben. Wo nichts geschieht, was eine Empfindung verursachen könnte, dort gibt es kein Leben, dort ist der ewige Tod.

Das Leben braucht also Eindrücke, die geeignet sind, eine Empfindungsfähigkeit zu generieren. Diese Eindrücke müssen als real erlebt werden, sonst wirken sie nicht. Wenn der Vater ständig flüstert “halb so wild, ich bin ja da!”, dann wird das Ergebnis nicht erreicht. Daher muss der Eindruck der Verlassenheit unbedingt erreicht werden. Gott muss sich phasenweise zurückziehen. Wie sollte sonst Leid, Verzweiflung und Einsamkeit erlebt und erfahren werden. Denn erst durch diese Erfahrungen wird verständlich, was Nähe und Liebe und Errettung wirsch bedeuten. Der Sinn wird erfahrbar, die Seele wird verständig. Ein angenehmes Leben ohne seelische Tiefe wäre tatsächlich absolut sinnlos, unerträglich und tot. Wenn aber die Seele durch Leid und Freude und Liebe, durch Verlust und Wiederfinden geformt wurde, so ist das Leben ein seelischer Hochgenuss, wahre Freude voller Empfindung und Tiefe.

Wenn man sich dies dann – nach getaner Arbeit im weltlichen Milieu – vor Augen hält, so kann man versöhnlich auf die Irrungen und Wirkungen des weltlichen Lebens blicken. Was als absolute Dummheit erscheinen muss, solange die Auflösung beschattet wurde, erweist sich bei näherer Betrachtung im Licht der Erkenntnis dann als göttliche Weisheit.

Der Aufruf zur Umkehr in den Geist Gottes soll daher lediglich diejenigen Ohren erreichen, die bereits geöffnet wurden für die Stimme Gottes. Und dies geschieht dann, wenn bereits ausreichende Seelentiefe geformt wurde. Diesen Menschen dient das Thomas Evangelium und diesen Menschen dient das, was ich hier schreibe. Anderen bleibt es völlig unverständlich und es entstehen haarsträubende Fehlinterpretationen, und das muss so sein. So darf die eine Hand nicht wissen, was die andere weiß, sonst funktioniert die weltliche Erfahrung nicht mehr. Tatsächlich führt die Botschaft, die Stimme und der Geist Gottes uns heim aus der Erfahrung des objekthaften Lebens hinein in die ewige Erfahrung des lebendigen Geistes, der das objekthafte Leben formt und vollzieht, ohne sich darin zu verlieren. Im Geist kommen dann alle Erfahrungen zusammen, die je gemacht wurden und es entsteht eine unglaubliche seelentiefe und Gefühlsstärke, eine absolut unfassbare Liebe und Wohltat, die unser Erbe sein soll. Wir können das nicht glauben, wenn wir noch in der Erfahrung stecken, denn sonst wäre ja die Erfahrung nicht mehr so gruselig, wie sie erlebt wird und dadurch auch real ist.

Wer dies alles ließt und nachvollzieht, der wird vermutlich bereitet sein, um in den Geist Gottes einzutreten. Wem dies alles eigenartig vorkommt, der soll sich nicht grämen und nicht schimpfen. Denn er wird ebenso ankommen, dafür sorge der Herr. Darum, dass wir uns alle im Geist vereinigen, dafür bitten wir. Und rufe zum Herrn, wenn Dir die Last zu groß wird. Amen.